São Miguel – Ein Naturparadies?

 

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This is about the downside of „island paradise” São Miguel. Besides the beauty of Botanical Gardens it is sad to notice so many chained cows and plastic waste between flowers and on the beach.

Les aspects négatifs de Sao Miguel: la plupart des vaches sont enchainées et on trouve pas mal de déchets en plastique dans la nature et sur les plages.

São Miguel – Ein Naturparadies? Über die Schattenseiten der Insel und die Notwendigkeit von nachhaltiger Entwicklung

In der letzten Woche unseres Urlaubs hier auf der größten Insel der Azoren, São Miguel, möchte ich einmal meine verschiedenen Eindrücke zusammenfassen und auch die Seiten erwähnen, die mir gar nicht gefielen.

Da wir nach dem Motto „weniger ist mehr“ auf das „Inselhopping“ verzichtet haben, glaube ich, dass ich nach nunmehr vier Wochen auf São Miguel einen halbwegs realistischen Einblick gewinnen konnte.

Zuerst einmal muss ich jedoch von meinen Erwartungen und auch von den positiven Seiten berichten.

Also, meine Erwartungen: ich werde mehrere Wochen auf einer aus Vulkanen beinahe mystisch entstandenen Insel mitten im Ozean verbringen. Weit, weit weg von jeder Art von Zivilisation. Unberührte Natur. Wandern, wandern, wandern. Malen. Die Weite und das Licht malen. Vögel beobachten. Ein Naturparadies. Eine der „World´s most unique travel destinations“ laut Forbes. Worte aus den Reise-Taschenbüchern gingen mir durch den Sinn. Bilder von Robinson Crusoe gingen mir durch den Kopf. Weg von Lärm, Müll, Umweltproblemen, Smog, Lichtverschmutzung etc. Das einzige Umweltproblem auf der Insel bestünde in durch intensive Viehwirtschaft überdüngten Wiesen. Na ja, was ist das schon für ein Problem? Dafür sieht man glückliche Kühe auf saftigem Gras!

Also los, auf die Azoren! Zuerst einmal bin ich überwältigt. Nicht vom lauten Straßenlärm, nicht von den engen Straßen in Dörfern und Städten, mit denen man notgedrungen zuerst einmal konfrontiert wird und die man nur entlang gehen kann, wenn man sich an die Häuserwände drückt.

Nein, nicht vom Verkehr, sondern von den botanischen Gärten. Alleine drei davon befinden sich in Ponta Delgada; ein 50 Hektar großer Park befindet sich im Landesinneren (Pinhal da Paz) und der Park „Terra Nostra“ in Furnas ist einfach eine Offenbarung. Jeder Park hat einen eigenen Charakter und verzaubert seine Besucher durch eine üppige Fülle von exotischen Pflanzen aus der ganzen Welt. Überall blüht, singt und trällert es. Gigantische Bäume wiegen ihre Kronen in ungeahnten Höhen. So hoch können also Bäume werden! Dazu denke man sich warme Thermalquellen und den rauschenden Atlantik im Hintergrund. Ein Paradies, wahrlich!

Man denke sich die grandiosen Ausblicke an bestimmten Punkten (Miradouros) hinzu, die satten Farben, die „glücklichen“ schwarz-weiß gefleckten Kühe auf saftigen Wiesen. Der berauschende Gedanke, dass man sich fast 1500 km von der europäischen Küste und 3000 von der amerikanischen befindet. Hier herrscht die Natur, nicht der Mensch! So dachte ich in den ersten Tagen.

Eine „fast schon utopische Welt“, „die Wanderdestination par excellence“, schwärmen die Reise-Taschenbücher.

Schon nach wenigen Wochen zeigen sich die anderen Seiten. Anfangen möchte ich mit den „glücklichen“ Kühen, weil mich dieser Aspekt am meisten schmerzt. Ja, die Kühe stehen unter dem Himmel und auf der Weide, was mich immer sehr freut, wenn ich an unsere eingepferchten Kühe in Deutschland denke. Am Anfang habe ich mich gewundert, dass die Kühe hier so gut wie alle enthornt sind, genau wie bei uns. Aber erst mit der Zeit fällt auf, dass trotz guter Elektro-Umzäunungen (die die etwas niedrigen Mauern und Hecken zusätzlich sichern), ca. 90% der Kälber und über die Hälfte der vielen Kühe an einem Bein angekettet sind. Es geht den Landwirten offensichtlich darum, die Weiden so effizient wie möglich zu nutzen. In den ersten Tagen fragt man sich, warum die Tiere auf den Hängen in Reih und Glied stehen. Dann schaut man genauer hin. Da viele Rinder nicht zeitgerecht umgepflockt werden, stehen sie auf ihren abgeweideten, teilweise verschlammten, kreisrunden Flächen und schauen deprimiert drein (das ist meine Wahrnehmung) oder sie reißen sich beinahe das angekettete Bein aus, um noch an etwas Gras zu gelangen (Foto).

Wie schon erwähnt, sprechen manche Reiseführer die Überdüngung der Weiden an. Ich dachte zuerst, diese sei das Resultat von Gülle und Mist. Viele leere Säcke mit der Aufschrift „Nitrophoska“, einem Volldünger von BASF haben mich eines anderen belehrt…

Mit den Hunden sieht es ähnlich aus. Einige junge Menschen führen Hunde an der Leine, aber die allermeisten Hunde sind in Höfen und Vorgärten eingesperrt oder angekettet. Es besteht hier offensichtlich eine Vorliebe für Wach- und Kampfhunde – auf der Insel wird sogar eine eigene Rasse gezüchtet, der Cão Fila de São Miguel (Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Cão_Fila_de_São_Miguel). Viele dieser Hunde werden als lebende Alarmanlagen für leerstehende Ferienhäuser missbraucht und bellen wütend jeden an, der notgedrungen an ihrem Revier vorbei muss. Die Wachsamkeit dieser, oftmals in ihrem eigenen Kot lebenden Tiere wird noch verstärkt durch die vielen Alarmsysteme, die an fast jedem Häuschen blinken. Die Reiseführer sprechen von sehr geringen Kriminalitätsraten auf der Insel…Wozu also diese ganze Vorsicht?

Der nächste Anblick, der mich bestürzt gemacht hat: der Plastikmüll. Man findet ihn an der Küste und außerhalb der Botanischen Gärten unter blühenden Pflanzen ein bisschen überall, wenn man durch freies Gelände in Stadtnähe geht. Weit weg von der „Zivilisation“, 1500 km von der europäischen Küste… Auf São Miguel gibt es nur wenige Strände, wir wohnen allerdings ganz in der Nähe des Strandes „Praia das Milicias“ in Sao Roque. Dort wird der Strand auch jetzt, in der Nebensaison regelmäßig von einer Maschine gereinigt. Welch ein Service, denke ich erfreut.

Wenige Wochen später verstehe ich, warum sich die Gemeinde so viel Mühe macht: Stürme verhindern den Einsatz der Maschine und das tosende Meer spült Unmengen von kleinen Plastikteilen an den Strand. Kleine Schraubverschlüsse, Plastikbecher, Kunststoffseile. Kommen die nur von der Insel oder spült hier der Ozean tatsächlich auch den Müll der halben Welt, der anscheinend in großen Strudeln in der Tiefe der Ozeane wirbelt, hier an den Strand? Mit Entsetzen beobachte ich einen schönen Vogel, den Steinwälzer, während er glänzende Plastikteile verschluckt, die er wohl für Samen hält. Eine Möwe, um deren Fuß sich eine lange Plastikschnur gewunden hat, fliegt über mich hinweg.

Beiträgen aus der Azoreanischen Tagespresse (z.B. Açoriano Oriental) entnehme ich, dass die vier existierenden Deponien nicht ausreichen und eine Müllverbrennungsanlage geplant ist, die Finanzierung mit EU-Geldern steht bereit. Aber es gibt viel Widerstand auf der Insel, manche Parteien blockieren die Realisierung, weil die Anlage die Müllkosten erhöhen oder nicht zur Tourismusstrategie passen würde.
Täglich beobachten wir außerdem, wie private Hotels und Bars ihren ungetrennten Müll in großen Säcken in öffentlichen Mülleimern entsorgen, die für die Mülltrennung hier und da aufgestellt worden sind.

Wir wandern auf ausgewiesenen und markierten Wanderwegen, weil es aufgrund von Zäunen, kläffenden Hunden und Mauern kaum möglich ist, spontan loszugehen. Mit dem Bus fahren wir von den öffentlichen Wanderwegen zurück zum Hotel. An der riesigen Anlage „Nestle Prolacto“ vorbei, die hier die Milch der „glücklichen Kühe“ verarbeitet, um sie als Schokoriegel und Joghurt international zu vermarkten. EU-Subventionen trotz Tierquälerei auf den Azoren,

Ein Paradies? Abseits von Müll und Zivilisation? Ich denke an den Maler Gauguin, der vor mehr als 100 Jahren meinte, sein Glück auf Tahiti, einer Welt weit entfernt jeglicher Zivilisation zu finden, um traurig feststellen zu müssen, dass auch dieses „Paradies“ längst europäisiert war. Vielleicht ist es ja auch illusorisch, auf einer Welt mit einer Bevölkerung von beinahe 8 Milliarden Menschen nach „Inselparadiesen“ zu suchen.

Hier, mitten im Atlantik, wird einem bewusster denn je, dass Naturschutz weltweit unsere höchste Priorität haben sollte!

Die meisten Menschen hier machen den Eindruck, auf der Insel wie in einem Gefängnis festzusitzen. Zumindest scheint mir das so. Die Inselkluft besteht meist aus ausgeleierten Jogginghosen oder bunten Leggings und seltsamen Pullis, Frauen tragen Schuhe aus Plastik mit sehr hohen Absätzen. Plakaten an den Straßen konnten wir entnehmen, dass für einen Mindestlohn von 600 Euro monatlich gekämpft wird. Vor den Bars lungern auch unter der Woche viele unbeschäftigte junge Männer herum, obwohl es hier anscheinend nur 10% Arbeitslose gibt. Am Supermarkt Continental werden wir immer wieder von Menschen, die verzweifelt aussehen, angebettelt. Wir sehen auch alte Menschen in Mülltonnen wühlen. Ein einfaches Viertel mit kleinen Häuschen wird abgerissen, es entstehen moderne Wohnungen. Wohin gehen diejenigen, die aus diesem Viertel verdrängt wurden? Im Fernsehen laufen hauptsächlich amerikanische Spielfilme und brasilianische Soaps. Ryan Air fliegt seit kurzem die Insel an…Bringt der Tourismus auch den Armen Geld? Jedenfalls steigen die Immobilienpreise dank des Tourismus. Die Einheimischen müssen somit höhere Mieten zahlen…

Einen etwas längeren Text zu meinen Urlaubsimpressionen über die Insel Sao Miguel findet Ihr hier: Azoren-Sao Miguel-Ein Naturparadies-2

 

12 Gedanken zu “São Miguel – Ein Naturparadies?

  1. Ein leidiges Thema gut rübergebracht. Leider wird auch der Tourismus immer billiger, sodass die letzten Paradiese auch noch von Hinz und Kunz überlaufen werden. 😢
    Ich vermute allerdings, dass der Plastikmüll aus dem Meer angeschwemmt wird, und die Insel so auch ein Zivilastionsopfer wird.

    Gefällt 4 Personen

    • Danke für Deinen Kommentar, Salzwolf. Ich denke, hier kommen viele Probleme zusammen. Der seit kurzem wachsende Tourismus ist gewiss einer. Aber die viele McDonalds- und BurgerKing-Filialen, die hauptsächlich von der hiesigen Bevölkerung besucht werden, tragen natürlich auch zu dem Müll bei…Hier wird Fast Food ganz groß geschrieben, nicht nur wegen der Touristen, sondern wohl auch deswegen, weil die Azorianer oft nach USA emigrieren und das amerikanische Essen lieben. Es sind so viele Faktoren, die hier zusammen kommen…Hier findet man die verschiedenen Restaurant-Angebote in der größten Shoppingmall des Naturparadieses, kennen wir da einige Marken zufälligerweise, vielleicht gar von zu Hause?:
      https://www.parqueatlanticoshopping.pt/en/store_category/restaurants-en/

      Gefällt 2 Personen

    • Danke Pit….Ich hatte beinahe ein schlechtes Gewissen, als ich diesen Beitrag schrieb: die meisten Urlauber machen ja hier schnell Whale Watching und Inselhopping (selten bleibt hier jemand länger als eine Woche) und wollen das bestimmt nicht wissen. Andererseits bekam ich zunehmend auch ein schlechtes Gewissen, nur blühende Pflanzen zu posten und immer die richtige Einstellung zu suchen, damit alles den Klischees entspricht…

      Gefällt 2 Personen

    • Danke, Heide…Ob das etwas bringt, weiß ich nicht. Aber ich dachte, ich kann nicht einfach immer nur die schönen Seiten zeigen und versuchen, alles andere auszuklammern. Bei den Vogelfotos habe ich manchmal die Fotos so zugeschnitten, dass man den Müll nicht sieht. Dann dachte ich irgendwann: „warum tue ich das?“ Damit bestätige ich ja Klischees. Ich weiß ja, dass es bei uns auch Tierquälerei, Massentierhaltung und Umweltprobleme gibt. Aber ich denke, wenn eine Gegend seinen Fokus auf Natur-Tourismus setzt, weckt das eben bestimmte Ansprüche…

      Gefällt 2 Personen

  2. Liebe Nadja,ich kenne dein Dilemma und auch die Depression, die einen angesichts einer geschundenen großen Natur befallen kann, nur allzu gut. Ich lebe, wie du weißt, in einem paradiesischen Land mit all den von dir beschriebenen Problemen. Ich sage immer, hier könne man nur leben, wenn man das Ausblenden gelernt hat. Und das tue ich, so gut ich kann, sofern ich die Zustände nicht ändern kann. Und das heißt: fast immer.
    An den Mittelmeer-Küsten Ägyptens habe ich freilich eine gewaltige Steigerung des Problems wahrnehmen müssen. Da klappte es mit dem Ausblenden gar nicht mehr.
    Ich finde deinen Bericht sehr sehr lesenswert. Danke!

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Gerda…Danke für Deinen spannenden Kommentar. Auch ich weiß, was Du meinst. Ich habe 15 Jahre in Italien gelebt und war damals oft in Sizilien…Ich war beim Hausschlachten dabei. In Ägypten habe ich schon in den 70-ern Dinge gesehen, die man nicht sagen kann. Mein Vater, der ja selbst aus Kairo kam, sagte mir, dass die Menschen sich an den Tieren rächen wollten, weil es ihnen so schlecht gehe. Damals habe ich das halbwegs geschluckt. Ich weiß auch nicht, warum ich so „dünnhäutig“ geworden bin. Jedenfalls, ja, ja, ich weiß, in Deutschland sind ja auch laut Bund Naturschutz 40 % der Kühe im Stall angebunden…Aber ich will es einfach nicht sehen. Ich bin wohl auch schon so „spießig“ geworden, dass ich einfach nicht mehr hinschauen will. Ich will es einfach nicht mehr sehen. Heute sind wir wandern gegangen. Ich dachte, so, jetzt schau halt nur noch auf die Schönheit, die Welt ist eben nicht perfekt, das ist doch klar, ist ja ok. Und wir gehen los…Und da sind sie wieder, die brüllenden, angeketteten Kälbchen. Und das wiehernde Pferd, dessen Knochen durch das Winterfell ragen. Ich werde wohl mit der Zeit dünnhäutiger. Ich kann es nicht mehr ertragen….Und dann diese schreckliche Werbung: Das Wanderparadies…

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