Das kleine Zimmer unter dem Dach. Kindheitssommer

Das kleine Zimmer unter dem Dach. Kindheitssommer

In den Sommernächten blieb die zierliche Terrassentür mit den weiß lackierten Sprossen bei jedem Wetter offen. Sie öffnete sich auf einen winzigen Balkon mit bauchigem Schmiedeeisen-Geländer, auf dem eine Person gerade noch Platz fand. Die Sicht ging abwärts auf den untenliegenden, buschigen Hang, der bis zu Eisenbahnschienen führte. Schaute ich nach links, erahnte ich den Wald weiter oben und eine monumentale Esche, die im Herbst den gekiesten Hof unter einem Meer von Blättern begrub. Eine Welt aus feuchtem Grün.

Als Stadtkind genoss ich selbst die verregnetesten Sommer; denn Sauerland und Regen gehörten in diesen Jahren zusammen. Während ich mich unter den täglich von meiner Oma aufgeschütteten Daunendecken begrub, witterte ich im Halbschlaf die frühe Morgenluft, die mich wie ein wohlriechender Strom voller geheimnisvoller Düfte aus Wiesen und Wäldern umwehte. Ganz leise knisterten die Daunen bei jeder meiner Bewegungen, den Gesang der Waldvögel wie eine dichte Schneedecke dämpfend. Wenn ich nachts aufwachte, hörte ich das Bellen von Fuchs und Reh. Ganz nah.

Gleißend und rein wie Schnee war auch die Bettwäsche, auf die meine Großmutter ihre Initialen gestickt hatte. Regelmäßig musste ich helfen, Laken und Bezüge in der Waschküche mit Kartoffelstärke zu behandeln und dann zu „recken“: Wir standen uns gegenüber und zogen die Tücher mit vollem Körpereinsatz auseinander, sie an Zipfeln fassend. Bei schönem Wetter wurden sie wie große weiße Fahnen im Garten aufgehängt, die alle Aromen der Blüten und Pflanzen aufnahmen.

Unterhalb der Bahntrasse lag ein großer, dunkler Stausee, von dem morgens und abends das lachende Quaken der Enten laut aufstieg.

Über dem Haus stand ein dichter, geheimnisvoller Wald, in dem ich täglich wild herumstreunte, obwohl ich immer wieder vor Gefahren gewarnt wurde. Im Wald verstecke sich der schwarze Mann.  Unendliche Neugier trieb mich durch dunkle Nadelwälder und über Gräben bis zu engen Tälern, die sich plötzlich öffneten und den Blick auf feuchte Wiesen und Weiden freigaben.  Immer begleitete mich ein Hund, den ich bei einem benachbarten Jäger aus dem Zwinger holen durfte.

Am Waldsaum vor dem Haus blühten zartrosa zwischen wilden Brombeeren und Himbeeren Fingerhut und Weideröschen, die ich morgens pflückte, um die große gelbe Vase im Flur zu schmücken.

In diesen Sommern war ich meist alleine bei der Großmutter im Haus am Wald. Freunde hatte ich dort nicht. Einsam war ich wie nur ein Kind es sein kann. Ganz leise im Hintergrund spürte ich jedoch, ich weiß nicht woher, die Liebe.

Als die Mauer fiel

Das Magazin Einsichten + Perspektiven

Gestern lag die Zeitschrift in der Post: Magazin „Einsichten und Perspektiven“ (Veröffentlichung der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit) mit einer Leseraktion. Man könne Beiträge zum Thema „Wie ich den 9. November 1989 erlebt habe“ einreichen. Da dachte ich, das mache ich! Update: Der Text wurde inzwischen veröffentlicht.

Hier das Resultat:

Wie ich den 9. November 1989 erlebt habe.

Damals war ich 28 Jahre alt und lebte zeitweise in der Gegend bei Stuttgart mit meinem ersten Mann, einem schwäbischen Bildhauer. Dieser arbeitete auch gemeinsam mit Künstlern der DDR an einem Kunstprojekt. Das Projekt sollte einen Austausch zwischen BRD- und DDR-Künstlern ermöglichen.

Am 9. November warteten wir auf die Ankunft von drei Künstlern, die mit dem obligatorischen Trabi von Ostberlin anreisen sollten. Das Abendessen war schon vorbereitet, wir schauten noch etwas fern und plötzlich kamen diese Bilder. Sätze, die ich kaum verstehen konnte, weil sie für mich in dem Moment keinen Sinn ergaben und jubelnde Massen, auf der Mauer tanzend. Was ist das, fragte ich mich, ein Spielfilm? Nach einigen Minuten wurde uns bewusst, dass die Mauer gefallen war! Ich fühlte in diesem Augenblick nur Verwirrung. Der Bildhauer knipste den Fernseher aus und beschloss, ihn erst am nächsten Morgen zum Frühstück anzumachen.

Auch als PDF online kostenlos zu haben (Link unten)

Die Reise hatte lang gedauert; die Reisenden hatten an der Grenze nichts bemerkt. Und so verbrachten wir den Abend des 9. Novembers mit den frisch eingetroffenen Freunden ohne das Thema anzusprechen. Im Nachhinein finde ich dieses „Spiel“ etwas grausam. Am nächsten Morgen saßen wir vereint am Frühstückstisch. Man unterhielt sich, während der Fernseher lief. Zwischendurch blieb der Blick eines der Gäste an den Bildern der feiernden Massen hängen. Plötzlich verstummten alle und schauten wie gebannt auf den Monitor. Nach der ersten stummen Verblüffung fingen die Tränen an zu fließen. „Ist das wahr?“, fragten die Gäste. Einer sagte: „Die machen die Grenze garantiert heute Abend wieder dicht.“ Dann kam die Freude und explodierte.

Euphorisiert ging ich hinaus und traf eine gleichaltrige Nachbarin. Strahlend sprach ich sie an: „Hast du gesehen, die Mauer ist gefallen!“ Sie schaute mich ernst an und antwortete: „Und? Was hat das mit uns zu tun?“ Dieser Satz wirkte auf mich wie eine kalte Dusche. Inzwischen weiß ich, dass es Menschen gibt, die Grenzen brauchen. Und andere, die sich freuen, wenn diese fallen.

Wenige Wochen nach dem Mauerfall wanderte ich nach Italien aus und kam erst im Jahr 2002 nach Deutschland zurück. In das vereinte Deutschland, das ich erst 13 Jahre nach seiner Entstehung kennenlernte.

Mehr Info zum Magazin:

https://www.km.bayern.de/ministerium/politische-bildung/magazin-einsichten-und-perspektiven.html