Das neue Bad Birnbacher Heimatheft ist da! Seit nunmehr 34 Jahren erscheint diese interessante heimatkundliche Informationsschrift über Bad Birnbach und Umgebung. Und ich durfte wieder (zum 6. Mal!) mit einem Beitrag dabei sein! Welch eine Ehre.
Diesmal habe ich spannende Geschichten in historischen Zeitungsartikeln aus dem digitalen Zeitungsarchiv der Bayerischen Staatsbibliothek zusammengestellt und illustriert. Das Heft kann u.a. im Artrium und in der Buchhandlung Hölzl in der Bad Birnbacher Hofmark erworben werden.
Mein Beitrag im Heimatheft 2024: Geschichten aus historischen Zeitungsartikeln
Info über das Bad Birnbacher Heimatheft 34 im Kulturspatz
Und hier einige meiner Illustrationen (handgemalt – ganz ohne KI!):
Ignaz Auer (links) – Ein „taubstummer Jugendlicher“ rechts
Vor einiger Zeit hatte ich angefangen, in digitalisierten Zeitungsarchiven nach „Heimatgeschichten“ zu suchen, in denen Birnbach vorkommt, diese mit Kommentaren zu versehen und zu illustrieren. Nach den Themen „Bahnverspätung 1901“ und „Eine lokale Kriminalgeschichte aus fernen Zeiten – 1847“ möchte ich heute eine Meldung des Königlich-bayerischen Kreis-Amtsblatt der Oberpfalz und von Regensburg vom 11.05.1872 näher betrachten.
Hier geht es um einen taubstummen jungen Mann, der in Birnbach aufgegriffen wurde. Dank der Beschreibung können wir die Person regelrecht „sehen“, als würde sie vor uns stehen. Vorab möchte ich darauf hinweisen, dass der Begriff „Taubstummheit“ und das Wort „taubstumm“ heute aufgrund der historischen Diskriminierung Gehörloser als veraltet gelten. Ein wertneutraler Begriff im deutschsprachigen Raum ist „gehörlos“.
Im Königlich-Bayerischen Kreis-Amtsblatt erschien also am 11. Mai 1872 folgende Meldung:
„Am 3. April 1872 wurde in Birnbach, Bezirksamt Grießbach, die unten näher beschriebene Mannsperson wegen Bettels aufgegriffen, welche teubstumm ist und sich in keiner Weise verständlich machen kann. Die bisher gepflogenen Heimaths-Recherchen waren erfolglos. Die obengenannten Behörden werden beauftragt, nach Namen, Stand und Heimath der fraglichen Person geeignet Nachforschungen einzuleiten und ein sachdienliches Ergebniß sofort dem k. Bezirksamt Griesbach mitzutheilen.
Regensburg den 2. Mai 1872.
Königl. Regierung der Oberpfalz und von Regensburg, Kammer des Innern. Von Pracher, Präsident.
Kleidung: Alten grauen Hut, einen leinenen alten Spenser[1] mit gelb gedruckten Blümchen versehen schon ziemlich stark mit wollenen Flecken geflickt und mit gelb messingenen und schwarzbeinenen Knöpfen besetzt; eine alte, blaue, rupferne Hose, schon stark geflickt; eine alte, wollene Weste, lange, alte, zerrissene Wadenstiefel, Hemd keines.“
Diese genaue Personenbeschreibung hilft, sich diesen Menschen vorzustellen. Aber es keimen auch viele Fragen auf. War der bettelnde junge Mann der Sohn eines Tagelöhners, eines Handwerkers oder eines Bauern? War er mit dem Gesetz in Konflikt geraten? Und wie sah eigentlich die Lebenssituation der Gehörlosen in dieser Zeit aus?
Zwar waren „Taubstumme“ die erste Behindertengruppe in Bayern, denen eine spezielle Förderung zuteil wurde. Seit 1817 sollte jede bayerische Kreishauptstadt über eine Taubstummenanstalt verfügen und es gab längst Taubstummen-Vereine. Allerdings sah die Situation auf dem Lande ganz anders aus. Immer wieder wurden in den Amtsblättern „unbekannte Taubstumme“ gesucht, nämlich nicht identifizierbare gehörlose Landstreicher und Bettler.
„Demgegenüber stehen „unbekannte Taubstumme“ (S. 124–143), zu denen gehörlose Landstreicher und Bettler gehörten, deren Identitätsfeststellung nach einer Verhaftung in Bayern nicht glückte.“ (Quelle: H-Soz-Kult – Fachinformationsangebote des Vereins Clio-online – Historisches Fachinformationssystem e.V.)
Man kann sich vorstellen, dass der beschriebene junge Mann kein leichtes Leben hatte. Wie es mit ihm weiterging, darauf gibt es keine Hinweise.
Dafür findet sich eine Mitteilung über einen weiteren „Taubstummen“ in Birnbach in einem etwas früheren Artikel des Königlich-Bayerisches Kreis-Amtsblatts von Oberbayern vom 4. Juli 1868. Hier geht es um ein gehörloses Kind:
„Einen in Birnbach aufgegriffenen taubstummen Knaben betreffend.
Da die von der unterfertigten Stelle unterm 6. August 1867 angeordneten Recherchen bemerkten Betreffs […] bisher erfolglos geblieben sind, so werden die sämtlichen Distriktpolizeibehörden angewiesen, die Nachforschungen nach der Herkunft des dort beschriebenen Knaben neuerdings aufzunehmen, sorgfältig zu verfolgen und die etwaigen Ergebnisse dem Bezirksgerichte Griesbach mitzutheilen.“
Hier habe ich mich gefragt, ob dieses Kind vielleicht sogar von seinen Eltern ausgesetzt worden war. Möglicherweise war es gar ein Waisenkind.
[1] Als Spenzer wird eine eng anliegende, taillenkurze Jacke für Damen und Herren bezeichnet. In früheren Epochen und noch heute bei Trachten wird der Begriff auch allgemein für Jacken verwendet. (Quelle: Wikipedia)
Quellen:
Königlich-bayerisches Kreis-Amtsblatt der Oberpfalz und von Regensburg (Königlich bayerisches Intelligenzblatt für die Oberpfalz und von Regensburg) 11.05.1872
Königlich-bayerisches Kreis-Amtsblatt von Oberbayern vom 4. Juli 1868
Our museum of local history. Notre musée d´histoire locale
Heute hatte ich mal wieder „Museumsdienst“, eine schöne Aufgabe….
Besonders spannend finde ich auch die vielen Geschichten, die jährlich in den Bad Birnbacher Heimatheften erscheinen. Der nächste Band, das Heimatheft 29, erscheint übrigens schon in den nächsten Wochen. Darin wird auch ein Beitrag über den uralten Leithenbauernhof veröffentlicht, den Berndt und ich geschrieben haben. Wir freuen uns jetzt schon darauf, bald den Band in den Händen halten zu dürfen!
Die Heimathefte
Die Ausstellung im „Alten Kloster“ gegenüber der Pfarrkirche ist interessant und empfehlenswert für alle, die gerne einen Überblick über die Geschichte der Gegend hätten. Übrigens, die historische Dauerausstellung „1200 Jahre Bad Birnbach“ kann sonntags (14 bis 17 Uhr) und montags (15 bis 17 Uhr) besucht werden. Eintritt frei.
Der 7. Oktober 1673 ist für Birnbach ein zentrales Datum. Denn an diesem Tag ging der Ort in den Besitz des Ratskanzlers Caspar von Schmid über. Dieser erhob Birnbach zur geschlossenen Hofmark. Das bedeutet, dass Birnbach nun einen einheitlichen Herrschafts- und Rechtsraum hatte und nicht mehr abhängig von Adelsgeschlechtern war.
Die Hochwasserkatastrophe von 1954 brannte sich tief in das Gedächtnis der Menschen ein. Statt einer Breite von üblicherweise 15 Metern erreichte die Rott nun stellenweise 1600 Meter. Damals verloren 2 Frauen aus Gries ihr Leben, Brücken waren eingestürzt, die Ernte vernichtet. 1964 folgte ein weiteres Hochwasser, bis die notwendige Hochwasserfreilegung erfolgte.