Wie märchenhaft: auf den Wiesen des Böhmerwaldes im Nationalpark Sumava (Tschechien) brummt es und summt es wie auf den Wiesen meiner Kindheit. Es ist dort so artenreich! Wir konnten gestern sogar Arten kennenlernen, die wir noch nie wahrgenommen hatten: u.a. das Ampfer-Grünwidderchen und den Klee-Gitterspanner.
Im Gebiet bei Hartmanice, westlich von Sušice und nur wenige Kilometer von der bayerischen Grenze entfernt, waren wir bereits öfters und konnten jetzt sogar die Juni-Flora mit der Flora im September vergleichen. Denn im September 2025 haben wir uns beinahe jede Pflanze und Blüte angeschaut. Und es ist hilfreich, sich Pflanzen und Wiesen in verschiedenen Vegetationsperioden anzuschauen, um sie besser kennenzulernen.
Ampfer-Grünwidderchen (Adscita statices)
Artenreiche, extensiv genutzte und nicht überdüngte Wiesen gehören zu den wertvollsten und zugleich am stärksten bedrohten Lebensräumen, weil ein Drittel aller heimischen Pflanzen und rund 3.500 Tierarten an sie gebunden sind.
Hauhechel-Bläuling
Im Gebiet bei Hartmanice, westlich von Sušice und nur wenige Kilometer von der bayerischen Grenze entfernt, waren wir bereits öfters und konnten jetzt sogar die Juni-Flora mit der Flora im September vergleichen. Denn im September 2025 haben wir uns beinahe jede Pflanze und Blüte angeschaut. Und es ist hilfreich, sich Pflanzen und Wiesen in verschiedenen Vegetationsperioden anzuschauen, um sie besser kennenzulernen.
Im September 2025 schrieb ich über die selbe Wiese bei Dobra Voda:
„Hier eine kleine und absolut unvollständige Liste der teilweise duftenden Schönheiten mit ihren spannenden Namen:
Wiesen-Augentrost (Euphrasia officinalis)
Wald-Engelwurz (Angelica sylvestris)
Bergwiesen-Frauenmantel (Alchemilla monticola)
Blutwurz (Potentilla erecta)
Gemeiner Wirbeldost (Clinopodium vulgare)
Gemeiner Hohlzahn (Galeopsis tetrahit)
Dolden-Habichtskraut, Rainfarn und viele Arten von Glockenblumen, Farnen, Disteln, Klee und Ampfern.“
Jetzt – am 2. Juni 2026 fielen uns nun eher diese Pflanzen auf:
Wiesen-Habichtskraut (Hieracium caespitosum), Wald-Storchschnabel (Geranium sylvaticum), Lichtnelke, Echter Baldrian (Valeriana officinalis), Teufelskralle und weitere.
Inzwischen haben Biologen verstanden, dass Weidetiere entscheidend für die Artenvielfalt sind, weil sie durch ihr Fressverhalten ungleichmäßige, artenreiche Mosaiklandschaften schaffen, die viel mehr Lebensraum bieten als gemähte oder ungenutzte Flächen.
Weideland im Böhmerwald
Weidetiere fördern ArtenvielfaltGigantischer Limousin-Bulle aus einer Bio-Rinderzucht im Böhmerwald Extensive Weidehaltung für Artenvielfalt und Tierwohl
Anfangs war ich etwas traurig, als ich den Verfall des Forsthauses sah. Ich hatte gehofft, irgendjemand würde es „retten“. Inzwischen habe ich akzeptiert, dass es langsam stirbt wie ein großer Baum.
Als ich dieses „Märchenschloss“ vor einigen Jahren zufällig im Wald entdeckte, begann ich zu recherchieren und war sofort fasziniert von der Geschichte des Arztes MUDr. Zdeněk Kostrouch, der von 1964 bis 1993 hier im Wald lebte und bis heute liebevoll erinnert wird. Er ritt zu seinen Patienten, weil kein Auto die holprigen Wege des Böhmerwaldes bewältigen konnte. Deshalb nannte man ihn den „Arzt mit dem Pferd“.
KI-Nachbildung des Ur-Zustandes
Ich wollte einmal ein Aquarell von ihm und seiner Familie vor dem Forsthaus malen und stellte mir sein Pferd als Schimmel vor. Dann entdeckte ich in den sozialen Medien den bekannten tschechischen Journalisten und Regisseur Radovan Holub, der den Arzt als Kind gesehen hatte. Er verriet mir, dass das Pferd braun war.
Um mir vorzustellen, wie das Forsthaus einst ausgesehen haben könnte, ließ ich es einmal von KI „rekonstruieren“.
Auffällig war bei diesem Besuch, dass die Graffitis, die immer wieder neu auf den Innenwänden des zerfallenden Hauses entstehen, keine Trauer mehr ausdrücken wie früher. Jetzt schmücken Rosen und Herzen die Mauern – und sogar eine pop‑artige Vervielfältigung des feinen Gesichts des beliebten Arztes.
Allmählich wird das alles zu Kunst. Das Haus und die Graffitis symbolisieren für mich inzwischen den Abschied von einer untergegangenen Zeit. Und ich denke: Wie gut, dass das alte Forsthaus in Würde sterben darf und nicht renoviert, modernisiert und zur Touristenattraktion gemacht wird. Die Graffitis wirken wie liebevolle Abschiedsgrüße der jungen Generation an die Vergangenheit.
Ich liebe dieses Forsthaus im Wald. An der Geschichte eines Gebäudes lässt sich manchmal die Geschichte einer ganzen Gegend ablesen. Die Mauern, die langsam zusammenfallen und zerbröseln, erinnern an die alternde Haut eines sehr betagten Menschen. Inzwischen zieren moderne „Tattoos“ – Graffitis – die alte Haut des sterbenden Hauses.
The Story of an Old Forester’s House in the Bohemian Forest
Als wir vor einigen Jahren zum ersten Mal hier waren, dachte ich, es sei noch zu retten. Inzwischen beobachte ich den Verfall mit einer Mischung aus Trauer, Bedauern und Akzeptanz – schließlich können wir nicht alles festhalten.
Die Besitzerin, die das Haus geerbt hat, lebt in den USA und hat vermutlich andere Prioritäten. Manchmal denke ich, dass es besser ist, wenn das Haus „verwest“ – so poetisch und organisch –, als wenn es von der Freizeitindustrie abgerissen und als Pension mit Café und überdimensioniertem Parkplatz neu aufgebaut wird, wie wir es leider allzu oft erleben.
Aus Liebe zu diesem verzauberten Ort möchte ich noch einmal zusammenfassen, was über ihn zu erfahren ist:
Mein Aquarell stellt das Leben des Arztes mit Frau und Kind im Forsthaus in der Einöde dar
Das imposante Gebäude im bayerisch-böhmischen Grenzgebiet wurde im 19. Jahrhundert errichtet. Es gehörte einst dem Bankier František Hasek, der 1942 von den Nationalsozialisten in Prag hingerichtet wurde. Vermutlich hatte er das Haus als Rückzugsort erbaut. In der Nähe befand sich ein kleines Glashüttendorf, dessen deutschsprachige Bevölkerung nach dem Krieg vertrieben wurde.
Asche zu Asche…
Danach verfiel das Haus. Einmal schlug sogar der Blitz ein – es schien bereits damals dem Untergang geweiht. Doch dann rettete der Arzt MUDr. Zdeněk Kostrouch das Anwesen, in das er 1964 einzog:
„Über seine erste Begegnung mit Pustina sagte der Arzt: ‚In den fünfziger Jahren fuhr ich von Hartmanice nach Kašperské Hory und sah im Rückspiegel eine Rauchsäule. Einmal blitzte es – und es war vorbei. Danach wucherte Pustina mit Brennnesseln zu. Im Frühjahr 1964 sollte sie abgerissen werden, da sie im militärischen Sperrgebiet Dobrá Voda lag. Dank meiner Kontakte konnte ich die Entscheidung zur Demolierung stoppen und zog selbst dort ein.‘“
Kostrouch richtete auf Pustina einen landwirtschaftlichen Betrieb ein, organisierte eine Bibliothek und stattete eines der Zimmer mit antiken Möbeln aus. Da die Fahrt zur Praxis in Hartmanice – besonders im Winter – sehr problematisch war, besaß Doktor Kostrouch Pferde, mit denen er auch Patienten besuchte. „Die Einöde wucherte danach mit Brennnesseln zu. Im Frühjahr 1964 sollte sie abgerissen werden, da sie im militärischen Sperrgebiet Dobrá Voda lag. Dank meiner Kontakte konnte ich den Abriss stoppen und zog selbst dort ein.“
Ich habe eine Künstliche Intelligenz gebeten, das Haus in seinen „Urzustand“ zurückzuversetzen. Dieses Bild kam dabei heraus. Es erscheint mir etwas zu „perfekt“, gibt aber einen Eindruck von der Pracht des Gebäudes.
Beschreibung des Gebäudes: Es handelt sich um ein herrschaftlich anmutendes Forsthaus mit Krüppelwalmdach, weißen Säulen, einer Veranda und einem kleinen Holzbalkon im Giebel des Obergeschosses. Die Fassade aus Holzschindeln, die hölzernen Verzierungen und dekorativen Elemente auf der Veranda spiegeln die handwerkliche Tradition der Region wider.
Die ErinnerungstafelErinnerungstafel Kostrouch Böhmerwald
EN: The old forester’s house in the Bohemian Forest, through its decay and its history, tells much about the turbulent past of the region—from displacement and war to personal rescue and remembrance. Once a retreat for a Jewish banker and later the workplace of the legendary “doctor on horseback,” it was lovingly inhabited for decades before being abandoned once more. Today, it stands as an enchanted place between nature and history, threatened by oblivion.
Zugegeben, was ich vor wenigen Jahren noch dachte, war nicht immer auf meinem Mist gewachsen. Das ist bei Gedanken eben so. Man übernimmt sie; man liest etwas und denkt es weiter; man lässt sich von Texten und Bildern in Tourismus-Broschüren, Wanderführern und Infozentren beeinflussen.
Wenn wir solch ein Thema dann vertiefen, weil es uns interessiert, fügen sich immer mehr widersprüchliche Informationen zusammen, bis wir irgendwann ganz neue Gedanken bilden und anfangen, uns ein eigenes Bild zu machen. Aber lasst mich von Anfang an beginnen. Der Anfang, das war für mich im Jahr 2016, als ich mit meinem Mann nach Niederbayern zog. Gleich wollte ich unsere Nachbarschaft erkunden und verliebte mich augenblicklich in unsere Gegend und die Landschaften im Nationalpark Bayerischer-Wald/ Böhmerwald.
Mein Ziel ist es NICHT, die Nationalparks schlecht zu reden! Vielmehr will ich versuchen jenseits von Tourismus-Broschüren und Marketing-Schlagwörtern zu verstehen, wie die wunderschöne Natur und die Landschaften, die dort entstanden sind, sich entwickelt haben. Ich möchte mit offenen Augen und glaubwürdiger Information durch diese Region, die ich liebe, wandern.
Hier möchte ich in vier Episoden, die ich in den nächsten Wochen veröffentlichen werde, vier Fragen beantworten, die ich mir selber gestellt habe.
Was ich also über die Natur in unseren angrenzenden Nationalparks (Bayerischer Wald und Sumava) so dachte, war natürlich geprägt von der Information, die mir anfänglich zugänglich war. Diese enthielt vier Glaubenssätze:
Glaubenssatz 1: Der URWALD
In den Nationalparks sind ursprüngliche, beinahe unberührte, wilde, geradezu mystische – noch vor kurzem von Bären und Wölfen durchstreifte – Wälder zu entdecken. „Ein einzigartiges Urwaldparadies“, das versprechen die Broschüren. Rotwild, Luchs und Birkenhuhn ziehen leise durch das Gebüsch.
Gibt es wirklich diese „Urwald-Reste“?
.
Was ich mich inzwischen frage – Neue Erkenntnisse
Nach vielen Wanderungen, eigenen Naturbeobachtungen, Museumsbesuchen, der ausgiebigen Lektüre von historischen Zeitungen in Onlinearchiven und des Buches „Böhmerwaldskizzen“ dessen deutschböhmischer Autor Karel Klostermann (1848 – 1923) die Gegend im 19. Jahrhundert beschreibt, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es vielleicht doch ganz anders ist. Und stellte mir Fragen. Hier die Erste:
Was ist eigentlich ein URWALD? „Als Primärwald oder Urwald wird ein von menschlicher Einflussnahme nicht berührter Wald bezeichnet“, verrät Wikipedia. Ein kleiner Teil der Amazonas-Wälder dürften mit Fug und Recht „Urwälder“ genannt werden.
Allerdings könnten auch urwaldähnliche Wälder nach Rodungen und menschlichen Einflüssen entstehen. Das sei nur eine Zeitfrage. Aber wie viel Zeit braucht die Natur, um wieder „wild“ zu werden? „In der gemäßigten Zone, wo die Bäume wegen des Winters nur 5 oder 6 Monate im Jahr wachsen, dauert es etwa 10 Jahrhunderte“, vermutet die Gesellschaft des französischen Botanikers Francis Hallé.
10 Jahrhunderte? 1000 Jahre also? Der Nationalpark Bayerischer Wald wurde ja erst 1970, der Nationalpark Šumava auf tschechischer Seite sogar erst im Jahr 1991 gegründet…Vorher wurde der Wald auf vielfache Weise genutzt, das werde ich in den nächsten Beiträgen erläutern. Selbst die unberührtesten Teile wurden gegen 1870 Opfer des Borkenkäfers.
Ich zitiere hier aus dem Passauer Tagblatt : Organ für die Interessen des Mittelstandes. 1874,7/12 ## 25.08.1874
„Aus dem Böhmerwalde, 19. August 1874, schreibt man der „Presse“: Der einzige mitteleuropäische Urwald am Moldau-Ursprung, in einer Ausdehnung von zirka 50 Joch, welcher bis jetzt als Bannwald von der Axt verschont blieb, ist bereits verschwunden, er fiel als Opfer des winzigen Borkenkäfers.“
Erkenntnis 1:Unsere Nationalparks sind KEINE Urwälder.
Unterwegs unter dem „grünen Dach Europas“
Aus den „Böhmerwaldskizzen“ von Karel Klostermann, geschrieben 1890:
„Und dann noch etwas: die Neuzeit nivelliert. Die Reisenden haben es jetzt bequem, und man braucht seiner Liebe zur Natur keine Opfer mehr zu bringen: die gefällige Maschine enthebt uns aller Unbequemlichkeit und setzt uns mitten hinein in die Freistätten der Natur. Freistätten? Sie haben vielfach aufgehört, es zu sein, seit sie so leicht zugänglich sind. Die Maschine fragt nicht, sie bringt gleichgültig die sonderbarsten Kostgänger des Herrn, die uns den Genuss verleiden; sie bilden eine sonderbare Staffage der Gegend. Nicht einmal die hallenden Schläge der Axt hörst du mehr, denn sie haben schon alles umgehauen, die praktischen Menschen, was einst dastand; dafür kannst du unter Glockengeläute des gewissermaßen nur mehr als künstlerische Staffage dienenden Weideviehes folgende Gespräche belauschen.
»Woher beziehen Sie den Moschus?« – »Was heißt beziehen, erzeugen ihn selber.« – »Kennen Sie G. H. Schwarzstein in Podebrad? Ist er gut?« – »Für 10 000 fl. ist er immer gut; wollen Sie ihm mehr kreditieren, so ist das Ihre Sache, ich tu’s nicht.« – »Papa, das ist der Urwald, nicht wahr?« fragt ein bleichsüchtiger Backfisch einen gelbsüchtigen Herrn, auf dem der Aktenstaub noch zu liegen scheint, der wie grauer Novemberreif seinen borstigen Schnauzbart überzieht. »Ja, mein Kind, das ist der Urwald«, sagt zerstreut der Papa und denkt der Akten, deren nimmer endender Stoß sich während seines achttägigen Urlaubes zu doppelter Höhe aufgetürmt haben wird. »Ja, das ist der Urwald«, bestätigt der Fremdenführer, ein etwa fünfzehnjähriger Bursche in veritablen Stiefeln, der schon solche Fortschritte in der Zivilisation gemacht hat, dass er mit innerer Beschämung der Zeiten gedenkt, wo er die ersten drei Finger seiner Rechten als Schnupftuch verwendete, wogegen jetzt der Rockärmel zu dieser wichtigen Funktion avanciert ist: Der »Urwald« aber besteht aus einem kaum zehnjährigen Bestand, der kümmerlich fortvegetiert, weil ihm alljährlich der Frost die Triebe wegbrennt und die Aufforstung im Böhmerwalde ohne den Schutz höherer Bäume nur mühsam vonstattengeht.“