Zwischen Nostalgie und Realität

Tradition und Moderne im Bayerischen Wald

Der Bayerische Wald. Ja, ich liebe ihn. Ich freue mich, dass ich so nah am „Woid“ wohnen darf: Etwas mehr als eine Stunde Fahrt vom Rottal aus, und schon ist man da: In der Stille, der Ursprünglichkeit, mitten im „Urwald“. Ich freue mich an den tollen Farben, dem Geruch von Moos und Quellwasser, bewundere die Bilder, die der liebe Gott so malt, voller Licht und Schatten.

Schatten? Ja, Schattenseiten gibt es auch, und so langsam frage ich mich, ob ich diese nicht auch mal ansprechen sollte. Sonst befürchte ich, einen Trend der „heilen Welt“ zu unterstützen, der in der Tourismusindustrie inzwischen fast alltäglich ist. Denn die extremen Kontraste zwischen einer beinahe noch naturbelassenen Landschaft, einer alten Kulturlandschaft und der Moderne fallen hier manchmal besonders stark auf.

Heute bin ich mit Berndt den Zellertalradweg entlanggefahren. Gleich am Anfang ein beeindruckendes Erlebnis: Ein Mäusebussard läuft über eine Wiese und jagt nach Insekten und Mäusen. Welche Anmut! Wie schön, dass es noch Raum gibt für diese „wilden Erlebnisse“ in unserer modernen Welt. Denke ich.

Wir fahren weiter. Ruhe? Stille? Fehlanzeige. Das laute Brummen von Dutzenden Traktoren begleitet uns auf unserer Tour. Was die machen? Grassilage. Wer nicht weiß, was das ist, nun: das Gras wird etliche Male vor der Blüte gemäht und in Silos gepresst oder zur Gärung luftdicht in Folie gepackt.

Ich werde alt…Woran ich das merke? Daran, dass das Wort „früher“ mir durch den Kopf geht. Zum Beispiel: „Früher haben die Kühe Heu gefressen.“ Dank des vielen Mähens blüht es fast nirgendwo mehr. Die Wiesen sehen so grün aus, so ordentlich wie diejenigen der Märklin-Modellbahnanlagen meiner Kindheit. Hach, schon wieder „früher“?

Sillageballen im Bayerischen Wald

Wir strampeln weiter und versuchen, den Traktoren und Unimogs auszuweichen, die uns in großer Geschwindigkeit auch auf der Straße entgegenkommen. Plötzlich ein Holzhaus. Mein Herz geht auf. Ein altes Bauernhaus, das von der Vergangenheit spricht. Ich fahre näher heran. Es scheint schon lange nicht mehr bewohnt zu sein. Ist der Besitzer alt oder verstorben? Was wird mit dem charmanten Häuschen passieren? Wird es abgerissen? Entsteht dann dort ein Neubau?

Welche Zukunft erwartet das schöne Bauernhaus?

Nun fahren wir in ein Städtchen, das am Radweg liegt. Eine Oase des Genusses inmitten intakter Natur soll es sein. Sagt Google. Schade, dass das überdimensionierte Gewerbegebiet den Blick auf das Städtchen verdeckt. Vor wenigen Tagen habe ich einen Vortrag über die identitätsstiftende Funktion des Denkmalschutzes besucht. Der Referent sagte: „Auch die kommenden Generationen haben ein Recht auf Schönheit.“ Schönheit, ein Menschenrecht. Den Gedanken fand ich sehr inspirierend.

Auch eine Realität…

Stiefmütterchen und Glasblumen

Wir kommen an einer Gärtnerei vorbei, die Stiefmütterchen produziert. Jetzt geht es vorbei an einem berühmten „Glasdorf“. Es packt mich der Teufel und ich denke: Ja, da gehe ich jetzt rein! Dass Menschen Hunger nach Natur haben ist offensichtlich: Blumen, Schmetterlinge, Frösche. All diese „Glasnatur“ schreit einen mit grellen Farben und komikhaften Formen an: „Kauf mich!“. Da draußen sind sie ja kaum noch zu sehen, die Schmetterlinge, Blumen, Frösche. Hier können wir sie haben. Und noch den heiligen Spruch dazu: „Schaue nie zurück!“.

Ich will aber zurückschauen. Ich glaube nicht, dass wir ein besseres Leben haben oder mehr Glück empfinden, wenn wir nur nach vorne schauen. In der Vergangenheit liegen meine Wurzeln, meine Identität. Es ist mir jedoch auch klar, dass der Blick nach vorne spannend ist und es die heile Welt nirgendwo gibt. Aber vielleicht lassen sich Tradition und Moderne doch irgendwie sanfter kombinieren? Gibt es keine Alternativen zu diesen gewaltsamen Kontrasten? Muss es so sein? Ich hoffe auf eine fantasievolle und  – ja – auch „schöne“ und „gute“ Verbindung der beiden Aspekte. Um zu solchen Alternativen zu finden, dürfen wir wohl kaum den anderen Teil des Spruches als Handlungsanweisung ernst nehmen: „Tu was du willst und steh dazu“. Denn um Extreme zu verbinden, muss man bereit sein, Kompromisse zu machen und neue Wege zu suchen. Das geht nicht mit dieser „Ich tu was ich will“ – Mentalität.

Ich hoffe, es wird uns gelingen.

Art Nouveau und Finanzinvestoren

Es wird viel renoviert.

Art nouveau and financial investors (more in English below)

Jugendstil und Finanzinvestoren

Dass ich inzwischen ein Landei geworden bin, wird mir während des Prag-Besuchs ziemlich bewusst. So viele Eindrücke!

Zweiter Tag in Prag. Ich habe versucht, Kontraste, Widersprüche, Schönheit und Atmosphäre mit dem Fotoapparat einzufangen. Dazu musste ich immer wieder gegen den Strom schwimmen, um den Massen zu entkommen und dann wieder in sie einzutauchen. Wie das geht, in einer Touristenstadt gegen den Strom zu schwimmen? Einfach schauen, wohin die Leute gehen und sich immer wieder für die entgegengesetzte Richtung entscheiden.

Ziemlich viel los vor der astronomischen Uhr…

Man muss sich mal vorstellen, dass Prag ca. 1,3 Millionen Einwohner hat und mehr als 5 Millionen ausländische Gäste im Jahr beherbergt. Da entstehen Exzesse und das Phänomen, das „Overtourism“ genannt und auch in Paris, London und Venedig beklagt wird.

Ein gut gelaunter Jugendstil-Frosch

Es entsteht insgesamt der Eindruck einer sehr dynamischen Stadt, in der sich Touristenmassen durch Straßen und Plätze der Altstadt wälzen, während internationale Investoren in 1000 Baustellen die letzten Fassaden renovieren, Altbauten entkernen und die Einheimischen aus der Altstadt verdrängen (Bild der  leeren Klingelschilder).

Trotz des Gewusels und viel zu vieler Menschen auf den Plätzen, herrscht eine erstaunlich entspannte und heitere Atmosphäre.

Wer Interesse an mehr Info über den Overtourism in Prag hat, kann hier mehr erfahren: https://www.dw.com/de/prag-zieht-massen-an-das-ist-sein-problem/a-41680303

Kitsch gehört zum Massentourismus einfach dazu…

Art nouveau and financial investors

I tried to capture the contrasts, contradictions, beauty and atmosphere of the city. Prague has 1.3 million inhabitants and more than 5 millions foreign visitors a year. So, it is natural that the consequences of overtourism are palpable.

Prague gives the impression of a dynamic city in which tourist masses overrun the historical places and streets while financial investors renovate the facades in 1000 construction sites and displace the locals. In spite of this, the atmosphere appears mostly relaxed and cheerful.

Einheimische werden aus der Altstadt verdrängt
Prag kann auch wunderschön romantisch sein

#prag #Tourismus #overtourism

„Grüne“ Überlegungen

Die Grünen in Bad Birnbach
Politiker von Bündnis 90/ Die Grünen auf dem Klimalehrpfad in der Lugenz

Meeting about sustainable tourism concepts in our rural area in Lower Bavaria. Several new topics need new answers and were discussed: transport and mobility, organic food in local restaurants, photovoltaic systems and more.

Grüne Themen in Bad Birnbach

Es wurden heute Zukunftsthemen diskutiert: Mobilität im ländlichen Raum, nachhaltige Tourismuskonzepte, lokale Bioprodukte in der Gastronomie… Dann ging es mit dem Radl in die Lugenz auf den Klimalehrpfad. Mit Bezirksrätin Mia Goller, MdL Rosi Steinberger und MdL Christian Zwanziger (Bündnis 90/Die Grünen). Hat Spaß gemacht!

Nachhaltige Tourismuskonzepte im ländlichen Bad
Ganz links Bezirksrätin Mia Goller, 3.v.l. MdL Christian Zwanziger, in der Mitte MdL Rosi Steinberger (Bündnis 90/ Die Grünen)

Denn gerade im ländlichen Raum gibt es viele neue Herausforderungen. Mobilität ist ja immer im Gespräch: wie komme ich auf dem Land auch ohne Auto von A nach B? Gerade in Bad Birnbach ist das innovative Pilotprojekt „autonomer Bus“ in aller Munde. Könnte dieses Projekt in Zukunft eine Alternative zum Autoverkehr darstellen? Können regionale landwirtschaftliche Produkte mehr Verwendung in der lokalen Gastronomie finden? Sind farblich angepasste Photovoltaikanlagen für touristische Regionen eine neue Option? Viele Fragen, die uns neue Wege aufzeigen können.

Ich freue mich, dass diese Themen angegangen und hoffentlich kreative und machbare Lösungen gefunden werden.

Kitsch und Natur in Bayern

1-Alpen_Foto_Nadia_Baumgart

About kitsch, stereotypes and the beauty of nature in the Bavarian Alps

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Kaum geht man ein paar Schritte in den Nationalpark hinein, schon ist man von der Natur überwältigt. Farbenspiele in der Oktobersonne, Lichtstreifen, die sich durch die Wälder winden und an den kargen Bergen lecken, eine tiefe, weite Ruhe auf den Almen.

Aber in Ramsau selbst begegnet einem eine andere Welt. Im Brotzeitstüberl läuft „Radio Volksmusik“. „Prost der Gemütlichkeit“, „Südtirol, du bist so schön“, ein ausgestopfter Dachs mit Filzhut winkt unter einem riesigen Strauß Plastiksonnenblumen, ein Fasan klebt zwischen Plastikginko, ein großes Murmeltier thront neben einem Töpfchen mit Chili.

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Man fragt sich, ob man auf Mallorca sei oder in Peking auf dem Paulaner-Oktoberfest oder in einem amerikanischen Disneypark, wo Frauen im Dirndl Bier einschenken und zu Blasmusik tanzen.

Seltsam, dabei ist man im echten Bayern, in den wirklichen Alpen. Überragt das Klischee die Realität? Oder wirken die weltweit bekannten Bayern-Bilder aus Disney World so überzeugend, dass sie in Bayern übernommen werden müssen?

Im Infohaus des Nationalparks können Kinder an Gummizitzen üben, wie man eine Kuh mit den Händen melkt. Aber welcher Landwirt macht das noch? Die Zucht von Kühen wird inzwischen von „Bayern Genetik“ bestimmt…

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In einer Welt, in der auch das Bild von Bayern wohl auch für die Bayern bröckelt, wie die Landtagswahlen jetzt gezeigt haben, muss man wohl die Bilder alter Zeiten heraufbeschwören, damit zumindest die Urlauber an das glauben, was nicht mehr ist.

Hier sprechen die Kellnerinnen im Dirndl recht gut Deutsch, aber auch Slowakisch. Toll, so können wir unsere spärlichen Tschechisch-Kenntnisse üben, denn Slowaken und Tschechen sprechen eine ähnliche Sprache. Wieso wir tschechisch sprechen, werden wir gefragt. Wir müssen lachen und hören wieder die Frage, die uns auch die Bayern stellen: „Wozu Tschechisch lernen, wir sprechen doch auch Deutsch?…“

Aus Interesse an Eurer Sprache und Kultur, sagen wir mit den Augen. Denn ausgesprochen versteht das anscheinend niemand.

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Abends im Gasthaus leuchten die Augen der blonden Dirndlträgerin, als wir „Dekuju“ („Danke“) sagen. „Ach, Sie sind das, die Tschechisch sprechen?“, fragt sie begeistert. Die Kollegin von nebenan hätte es ihr gesagt. Wie es ihr denn hier so ginge, fragen wir. Sie macht den Mund auf und wieder zu. Lächelt. Nur ihre Augen sprechen…

Wie dem auch sei, mit etwas Humor übersteht man auch die Musik und die Natur im Nationalpark ist unübertrefflich schön. Also, Vítejte v Ramsau bei Berchtesgaden!

 

São Miguel – Ein Naturparadies?

 

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This is about the downside of „island paradise” São Miguel. Besides the beauty of Botanical Gardens it is sad to notice so many chained cows and plastic waste between flowers and on the beach.

Les aspects négatifs de Sao Miguel: la plupart des vaches sont enchainées et on trouve pas mal de déchets en plastique dans la nature et sur les plages.

São Miguel – Ein Naturparadies? Über die Schattenseiten der Insel und die Notwendigkeit von nachhaltiger Entwicklung

In der letzten Woche unseres Urlaubs hier auf der größten Insel der Azoren, São Miguel, möchte ich einmal meine verschiedenen Eindrücke zusammenfassen und auch die Seiten erwähnen, die mir gar nicht gefielen.

Da wir nach dem Motto „weniger ist mehr“ auf das „Inselhopping“ verzichtet haben, glaube ich, dass ich nach nunmehr vier Wochen auf São Miguel einen halbwegs realistischen Einblick gewinnen konnte.

Zuerst einmal muss ich jedoch von meinen Erwartungen und auch von den positiven Seiten berichten.

Also, meine Erwartungen: ich werde mehrere Wochen auf einer aus Vulkanen beinahe mystisch entstandenen Insel mitten im Ozean verbringen. Weit, weit weg von jeder Art von Zivilisation. Unberührte Natur. Wandern, wandern, wandern. Malen. Die Weite und das Licht malen. Vögel beobachten. Ein Naturparadies. Eine der „World´s most unique travel destinations“ laut Forbes. Worte aus den Reise-Taschenbüchern gingen mir durch den Sinn. Bilder von Robinson Crusoe gingen mir durch den Kopf. Weg von Lärm, Müll, Umweltproblemen, Smog, Lichtverschmutzung etc. Das einzige Umweltproblem auf der Insel bestünde in durch intensive Viehwirtschaft überdüngten Wiesen. Na ja, was ist das schon für ein Problem? Dafür sieht man glückliche Kühe auf saftigem Gras!

Also los, auf die Azoren! Zuerst einmal bin ich überwältigt. Nicht vom lauten Straßenlärm, nicht von den engen Straßen in Dörfern und Städten, mit denen man notgedrungen zuerst einmal konfrontiert wird und die man nur entlang gehen kann, wenn man sich an die Häuserwände drückt.

Nein, nicht vom Verkehr, sondern von den botanischen Gärten. Alleine drei davon befinden sich in Ponta Delgada; ein 50 Hektar großer Park befindet sich im Landesinneren (Pinhal da Paz) und der Park „Terra Nostra“ in Furnas ist einfach eine Offenbarung. Jeder Park hat einen eigenen Charakter und verzaubert seine Besucher durch eine üppige Fülle von exotischen Pflanzen aus der ganzen Welt. Überall blüht, singt und trällert es. Gigantische Bäume wiegen ihre Kronen in ungeahnten Höhen. So hoch können also Bäume werden! Dazu denke man sich warme Thermalquellen und den rauschenden Atlantik im Hintergrund. Ein Paradies, wahrlich!

Man denke sich die grandiosen Ausblicke an bestimmten Punkten (Miradouros) hinzu, die satten Farben, die „glücklichen“ schwarz-weiß gefleckten Kühe auf saftigen Wiesen. Der berauschende Gedanke, dass man sich fast 1500 km von der europäischen Küste und 3000 von der amerikanischen befindet. Hier herrscht die Natur, nicht der Mensch! So dachte ich in den ersten Tagen.

Eine „fast schon utopische Welt“, „die Wanderdestination par excellence“, schwärmen die Reise-Taschenbücher.

Schon nach wenigen Wochen zeigen sich die anderen Seiten. Anfangen möchte ich mit den „glücklichen“ Kühen, weil mich dieser Aspekt am meisten schmerzt. Ja, die Kühe stehen unter dem Himmel und auf der Weide, was mich immer sehr freut, wenn ich an unsere eingepferchten Kühe in Deutschland denke. Am Anfang habe ich mich gewundert, dass die Kühe hier so gut wie alle enthornt sind, genau wie bei uns. Aber erst mit der Zeit fällt auf, dass trotz guter Elektro-Umzäunungen (die die etwas niedrigen Mauern und Hecken zusätzlich sichern), ca. 90% der Kälber und über die Hälfte der vielen Kühe an einem Bein angekettet sind. Es geht den Landwirten offensichtlich darum, die Weiden so effizient wie möglich zu nutzen. In den ersten Tagen fragt man sich, warum die Tiere auf den Hängen in Reih und Glied stehen. Dann schaut man genauer hin. Da viele Rinder nicht zeitgerecht umgepflockt werden, stehen sie auf ihren abgeweideten, teilweise verschlammten, kreisrunden Flächen und schauen deprimiert drein (das ist meine Wahrnehmung) oder sie reißen sich beinahe das angekettete Bein aus, um noch an etwas Gras zu gelangen (Foto).

Wie schon erwähnt, sprechen manche Reiseführer die Überdüngung der Weiden an. Ich dachte zuerst, diese sei das Resultat von Gülle und Mist. Viele leere Säcke mit der Aufschrift „Nitrophoska“, einem Volldünger von BASF haben mich eines anderen belehrt…

Mit den Hunden sieht es ähnlich aus. Einige junge Menschen führen Hunde an der Leine, aber die allermeisten Hunde sind in Höfen und Vorgärten eingesperrt oder angekettet. Es besteht hier offensichtlich eine Vorliebe für Wach- und Kampfhunde – auf der Insel wird sogar eine eigene Rasse gezüchtet, der Cão Fila de São Miguel (Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Cão_Fila_de_São_Miguel). Viele dieser Hunde werden als lebende Alarmanlagen für leerstehende Ferienhäuser missbraucht und bellen wütend jeden an, der notgedrungen an ihrem Revier vorbei muss. Die Wachsamkeit dieser, oftmals in ihrem eigenen Kot lebenden Tiere wird noch verstärkt durch die vielen Alarmsysteme, die an fast jedem Häuschen blinken. Die Reiseführer sprechen von sehr geringen Kriminalitätsraten auf der Insel…Wozu also diese ganze Vorsicht?

Der nächste Anblick, der mich bestürzt gemacht hat: der Plastikmüll. Man findet ihn an der Küste und außerhalb der Botanischen Gärten unter blühenden Pflanzen ein bisschen überall, wenn man durch freies Gelände in Stadtnähe geht. Weit weg von der „Zivilisation“, 1500 km von der europäischen Küste… Auf São Miguel gibt es nur wenige Strände, wir wohnen allerdings ganz in der Nähe des Strandes „Praia das Milicias“ in Sao Roque. Dort wird der Strand auch jetzt, in der Nebensaison regelmäßig von einer Maschine gereinigt. Welch ein Service, denke ich erfreut.

Wenige Wochen später verstehe ich, warum sich die Gemeinde so viel Mühe macht: Stürme verhindern den Einsatz der Maschine und das tosende Meer spült Unmengen von kleinen Plastikteilen an den Strand. Kleine Schraubverschlüsse, Plastikbecher, Kunststoffseile. Kommen die nur von der Insel oder spült hier der Ozean tatsächlich auch den Müll der halben Welt, der anscheinend in großen Strudeln in der Tiefe der Ozeane wirbelt, hier an den Strand? Mit Entsetzen beobachte ich einen schönen Vogel, den Steinwälzer, während er glänzende Plastikteile verschluckt, die er wohl für Samen hält. Eine Möwe, um deren Fuß sich eine lange Plastikschnur gewunden hat, fliegt über mich hinweg.

Beiträgen aus der Azoreanischen Tagespresse (z.B. Açoriano Oriental) entnehme ich, dass die vier existierenden Deponien nicht ausreichen und eine Müllverbrennungsanlage geplant ist, die Finanzierung mit EU-Geldern steht bereit. Aber es gibt viel Widerstand auf der Insel, manche Parteien blockieren die Realisierung, weil die Anlage die Müllkosten erhöhen oder nicht zur Tourismusstrategie passen würde.
Täglich beobachten wir außerdem, wie private Hotels und Bars ihren ungetrennten Müll in großen Säcken in öffentlichen Mülleimern entsorgen, die für die Mülltrennung hier und da aufgestellt worden sind.

Wir wandern auf ausgewiesenen und markierten Wanderwegen, weil es aufgrund von Zäunen, kläffenden Hunden und Mauern kaum möglich ist, spontan loszugehen. Mit dem Bus fahren wir von den öffentlichen Wanderwegen zurück zum Hotel. An der riesigen Anlage „Nestle Prolacto“ vorbei, die hier die Milch der „glücklichen Kühe“ verarbeitet, um sie als Schokoriegel und Joghurt international zu vermarkten. EU-Subventionen trotz Tierquälerei auf den Azoren,

Ein Paradies? Abseits von Müll und Zivilisation? Ich denke an den Maler Gauguin, der vor mehr als 100 Jahren meinte, sein Glück auf Tahiti, einer Welt weit entfernt jeglicher Zivilisation zu finden, um traurig feststellen zu müssen, dass auch dieses „Paradies“ längst europäisiert war. Vielleicht ist es ja auch illusorisch, auf einer Welt mit einer Bevölkerung von beinahe 8 Milliarden Menschen nach „Inselparadiesen“ zu suchen.

Hier, mitten im Atlantik, wird einem bewusster denn je, dass Naturschutz weltweit unsere höchste Priorität haben sollte!

Die meisten Menschen hier machen den Eindruck, auf der Insel wie in einem Gefängnis festzusitzen. Zumindest scheint mir das so. Die Inselkluft besteht meist aus ausgeleierten Jogginghosen oder bunten Leggings und seltsamen Pullis, Frauen tragen Schuhe aus Plastik mit sehr hohen Absätzen. Plakaten an den Straßen konnten wir entnehmen, dass für einen Mindestlohn von 600 Euro monatlich gekämpft wird. Vor den Bars lungern auch unter der Woche viele unbeschäftigte junge Männer herum, obwohl es hier anscheinend nur 10% Arbeitslose gibt. Am Supermarkt Continental werden wir immer wieder von Menschen, die verzweifelt aussehen, angebettelt. Wir sehen auch alte Menschen in Mülltonnen wühlen. Ein einfaches Viertel mit kleinen Häuschen wird abgerissen, es entstehen moderne Wohnungen. Wohin gehen diejenigen, die aus diesem Viertel verdrängt wurden? Im Fernsehen laufen hauptsächlich amerikanische Spielfilme und brasilianische Soaps. Ryan Air fliegt seit kurzem die Insel an…Bringt der Tourismus auch den Armen Geld? Jedenfalls steigen die Immobilienpreise dank des Tourismus. Die Einheimischen müssen somit höhere Mieten zahlen…

Einen etwas längeren Text zu meinen Urlaubsimpressionen über die Insel Sao Miguel findet Ihr hier: Azoren-Sao Miguel-Ein Naturparadies-2