
Im Sumava Nationalpark – der Böhmerwald




Gestern sind wir von der Grenze bei Bayerisch Eisenstein 50 Kilometer zu einem Städtchen in Westböhmen bei Pilsen gefahren: Klatovy (deutsch: Klattau). Zunächst geht es durch den Böhmerwald, dann lichtet sich der Wald; es kommen Wiesen, kleine Dörfer, riesige Streuobstwiesen, auf denen Rinder grasen (bei Nyrsko). Plötzlich öffnet sich die Landschaft auf eine unendliche Ebene, gesäumt von lieblichen Hügeln. Ganz ohne überdimensionierte Stromtrassen und ohne scheußliche Windräder. Plötzlich erscheint am Horizont eine Stadt mit hohen Türmen wie eine Fata Morgana: Klatovy!
Jetzt fahren wir durch ein Gewerbegebiet in Richtung Altstadt, diese ist seit 1992 unter Denkmalschutz.
Als wir vor dem großen Stadtplatz mit seinem Renaissance-Rathaus, dem riesigen „schwarzen Turm“, der barocken Apotheke und der majestätischen Jesuitenkirche, war ich sehr erstaunt. Die Stadt hat nur etwa 23 000 Einwohner doch denkt man „Prag!“, und nach dem Blick auf wunderbare Jugendstil-Fassaden: „Paris!“. Jedenfalls „Weltstadt“. So fühlt sich Klatovy an.

Kurzer geschichtlicher Überblick:
Die Stadt wurde im 13. Jahrhundert gegründet und hatte von Anfang an eine besondere Bedeutung, weil sie auf dem wichtigen Handelsweg Bayern-Böhmen lag und gleich zur „Königsstadt“ erhoben wurde, was ihr viele Privilegien brachte. Im 15. Jahrhundert wurde die Stadt Sitz der Hussiten (Anhänger von Jan Hus), die von den meisten böhmischen Adeligen unterstützt wurden und für eine hierarchiefreie Kirche kämpften. In dieser Zeit kamen auch viele italienische Architekten nach Klatovy, die die Renaissance-Bauten (bsw. das Rathaus) erschufen.
Nach dem 30-jährigen Krieg wurde Böhmen mit Hilfe der Jesuiten re-katholisiert. Der barocke Stil dieser Jesuitenzeit zeigt sich in der ehemaligen Apotheke „zum weißen Einhorn“. Die Architektur in der Altstadt ist sehr beeindruckend.

Unterwegs in Klatovy
Poesiomat – Die Poesiemaschine
Die Architektur ist sehr beeindruckend. Aber auch der Poesiomat von Ondřej Kobza ist erwähnenswert. Welch tolle Idee! Aus den originellen Automaten tönen Gedichte, Literaturtexte und Musikstücke der besten Dichter, Literaten und Musiker des Landes. So konnten wir Gedichte von Jaroslav Vrchlický (1835-1912) , einem tschechischen Schüler von Viktor Hugo (!) und dem berühmten Prager Schriftsteller und Dichter, Jaroslav Seifert (1901-1986) hören.
Auszug aus Radio Prague International 2023:
„Wir finden es nun besser, wenn es beim Poesiomaten nicht nur um Gedichte geht, sondern um Tonspuren, die das Andenken an die Standorte wachhalten. Wir setzen bei der Schaffung einen bestimmten Prozess in Gang. Wir reden mit den Menschen vor Ort, und sie machen Vorschläge, was alles im Poesiomaten enthalten sein soll. So fördern wir vielleicht die Erinnerungskultur ein wenig“, so Kobza.
Auch die Spezialitäten des Café Oliver hinter dem Rathaus haben uns begeistert: sehr gute Eiscreme und „Mousse“ in allen Varianten, gedeckelt mit glasierter Schokolade oder Himbeer-Kuvertüre, die der Kunst der Pariser und Wiener Konditoren nahe kommt.

Das landeskundliche Museum Klatovy/ Klattau
Spannend und schön war auch der Besuch des Museums, das die regionale Geschichte sowie Volkskultur zeigt. Mir haben die kleinen lackierten Püppchen, die bunten Holzpferdchen und die Teufel-Marionetten mit ihren heraushängenden roten Zungen besonders gefallen.
Lustig erscheint die Beleuchtung zweier Büsten. Es handelt sich um den impressionistischen Maler Alois Kalvoda (1875-1934) und den klattauer Orgel-Komponisten Josef Klička (* 15. Dezember 1855 in Klatovy; † 28. März 1937 ebenda).
Der letzte Bär des Böhmischen Waldes – ausgestopft – winkt einem traurig zu. Traurig ist auch die Vitrine mit 4 Uniformen, die 100 Jahre Leid erzählen: Die österreichisch-ungarische Uniform hängt neben derjenigen der deutschen Besatzer und derjenigen der amerikanischen und russischen Soldaten. Bange fragt man sich, was uns die Zukunft bescheren wird…
Auf dem Weg nach Hause begegneten wir noch einigen Störchen auf einer blühenden Wiese. Es war ein unvergesslicher Tag!



#klattau #klatovy

Und hier ein schönes Video über Klatovy:


Beim Wandern durch wilde Wälder und beim Überqueren der grünen Grenze zwischen Bayern und Tschechien im Nationalpark, kommen einem viele Gedanken. Heute sind wir von Zwieselwaldhaus nach Zeledna Rudna gegangen. Das Schöne und das Schreckliche sind sich ja oft so nah: Am Weg immer wieder Infotafeln, die dokumentieren, was im Grenzgebiet in der Nachkriegszeit alles so geschah…Es ist kaum zu glauben, aber die tödlichste Grenze Europas im Kalten Krieg war genau hier zwischen Tschechien, Deutschland und Österreich.
Die Tafeln dokumentieren die Grenzbefestigungen und Kampfstände sowie befestigte Gräben im Wald, aus denen geschossen wurde. Heute verzaubert die Natur alles und über eingegrabene Bunker tanzen Schmetterlinge. In unseren gefährlichen und konfliktgeladenen Zeiten ging ich heute sehr nachdenklich durch die lichte Wildnis. Hoffentlich müssen wir nicht wieder solche Zeiten – kalte oder heiße Kriege – erleben, dachte ich…
#sumava #nationalpark #kalterkrieg #böhmerwald


Und hier die Infotafeln:




Unglaublich, was alles auf naturbelassenen Wiesen blühen kann! Gestern waren wir im Nationalpark Sumava unterwegs zum „verschwundenen Dorf“ Oberlichtbuchet. Am Wegesrand und auf den Weiden blühten Schöllkraut, Greiskraut, wilde Narzissen, wilde Stiefmütterchen, Veilchen, Waldmeister, Wasserkresse und Sumpfdotterblumen. Und vieles mehr. Wir erfuhren, dass einige dieser Arten, insbesondere die Narzissen, verwilderte Pflanzen aus den ehemaligen Gärten der Böhmerwäldler sind. Es ist bewegend, sich bewusst zu werden, dass diese Pflanzen einfach weiterblühen, obwohl die Menschen, die sie pflanzten, schon seit über 70 Jahren fort sind.
Begleitet vom Rauschen des Baches, der den lustigen Namen „Grasige Moldau“ trägt, und dem Gesang der Singdrosseln, haben wir mal wieder die berauschende Schönheit der Natur erleben dürfen.
Wir haben auch die Ruine des alten Schulhauses besucht. Das Holzhauerdorf Oberlichbuchet wurde am Ende des 18. Jahrhunderts gegründet. Für mich sind diese verschwundenen Dörfer, an die „historische Alben des Böhmerwaldes“ am Wegesrand erinnern, eine Mahnung gegen den Krieg. Denn diese Ortschaften standen in der Nachkriegszeit in der „Todeszone“ des Grenzgebiets der damaligen Tschechoslowakei und wurden oft komplett zerstört. Die Natur hat die Orte zurückerobert.




Und hier noch einige Einblicke im Video: